Was tun? - Unsere Reaktion auf den Krieg in der Ukraine

Unsere Teilmächtigkeit leben angesichts des Krieges in der Ukraine.

Das Frühjahrstreffen unseres „Arbeitskreises Therapie und Beratung im Ruth Cohn Institut“ (siehe unten) am 4.- 6. März war geprägt von den Eindrücken des schrecklichen Krieges in der Ukraine. Unsere Erfahrung lähmender Verzweiflung und Ohnmacht angesichts der grauenhaften Ereignisse und ihrer Folgen haben uns nach Verhaltens- und Handlungsmöglichkeiten suchen lassen, und auch danach, ob uns die TZI eine Hilfestellung geben kann.

Als ein Ergebnis unserer Gespräche wollen wir diese Zeilen schreiben und im Forum veröffentlichen. Die Auseinandersetzung hat uns geholfen, uns zu klären und aus unserem Tief herauszukommen. Andererseits möchten wir unsere Gedanken mit unseren Leser:innen teilen und sie ermutigen, für sich selbst und vor allem für die unmittelbar von dem Krieg Betroffenen autonom und handlungsfähig zu bleiben. Die Erarbeitung des Textes ist für uns eine Möglichkeit, direkt etwas umzusetzen und vom Reden ins Handeln zu kommen. Er kann gerne zu weiteren Texten und Anregungen im Forum führen.

Wir haben uns – als Thema – an einem Zitat von Ruth Cohn orientiert und versucht, ihre Aussagen auf die aktuelle Situation zu übertragen.

„Ich möchte Menschen, die all dieses Leid nicht wollen, ermutigen, nicht zu resignieren und sich ohnmächtig zu fühlen, sondern ihre Vorstellungskräfte und ihr Handlungsvermögen einzusetzen, um sich solidarisch zu erklären, solange wir selbst noch autonome Kräfte in uns spüren. Das ist das Eigentliche, was ich mit TZI möchte.“

(R.Cohn/A.Farau, Gelebte Geschichte der Psychotherapie, Klett Cotta, 1984, S. 375)

Wir sind uns bewusst, dass unsere Autonomie, unsere Handlungsmöglichkeiten angesichts der Übermacht und Gewalt des Krieges in der Ukraine – aber auch angesichts der vielen anderen Kriege und Flüchtlingskatastrophen- nur sehr begrenzt sind. Sicher steht die Beendigung des Krieges nicht in unserer Macht.

Auf der einen Seite stehen Verzweiflung und Resignation und ein schlechtes Gewissen, weil wir nicht annähernd das leisten können, was angesichts unendlichen Leids und Gewalt getan werden müsste. Auf der anderen Seite steht der Versuch, unser Bedürfnis oder auch der Anspruch, wie R. Cohn es ausdrückt, unsere „Vorstellungskräfte und unser Handlungsvermögen einzusetzen, um uns solidarisch zu erklären“ - und ins Handeln zu kommen.

Überwindung von Ohnmacht und Resignation

Zorn und Wut über die kriegerischen Angriffe, über das Töten von Menschen, über die Vernichtung von Häusern und Werten, die das Leben ermöglichen - all das sind Gefühle, die schwer zu ertragen sind und letztlich in Ohnmacht und Resignation führen. Wir sind von diesem Krieg zwar „nur“ indirekt betroffen, aber auch in uns machen sich Verzweiflungsreaktionen breit, Lähmung, Resignation gemischt mit Angst. Was kann uns helfen, diesen Kreislauf zu durchbrechen? Was kann uns helfen, in Ohnmachtsgefühlen Kontakt zu unserer Teilmächtigkeit zu bekommen? Vielleicht können wir uns erinnern, was uns in unserer Entwicklung zum erwachsenen Menschen geholfen hat, uns aus Abhängigkeiten und Unterwerfungsgefühlen zu lösen, um zu unserer Teil-Autonomie zu kommen. Da war vielleicht jemand, der uns in unserer Situation verstanden hat, uns gefragt hat, was wir brauchen, uns unterstützt hat. Der nicht alles besser wusste, sondern solidarisch war und Fragen stellte, der hinschaute und uns spiegelte, was gesehen wurde.

Wie kann ich meine autonomen Kräfte in dieser Situation stärken?

Die Erfahrung, Autonomie bzw. Teilmächtigkeit zu erreichen, kann helfen, die eigene Verzweiflung und Resignation angesichts des Krieges zu überwinden. Wenn wir uns daran erinnern, welche Rolle erfahrene Solidarität im eigenen Leben und der eigenen Entwicklung gespielt hat, können wir vielleicht eher Formen von Solidarität (er)finden, die in der jetzigen Situation den Menschen in der Ukraine helfen können. Solidarisch kann ich nur sein, wenn ich die Not, die Angst, die Hilflosigkeit irgendwie ertrage und ihr Raum in mir selbst geben kann. Dieser Prozess kann schon beim Betrachten der Bilder und Filme aus der Ukraine beginnen. So ist es vielleicht möglich, den Menschen, die hier ankommen werden, solidarisch zu begegnen, ihre Gefühle auszuhalten und zu spiegeln. Mit ihnen gemeinsam die Selbstachtung zu stärken und die vielleicht beschädigte Autonomie wieder zu finden.

Bei allem Handeln ist uns auch die Bedeutung der Balance zwischen Unterstützung anderer und der Stärkung unserer eigenen durch die Ohnmacht angegriffenen Autonomie bewusst geworden.

Was kann konkret helfen?

Vieles von dem was wir bereits gemacht hatten, wie Spenden, Lebensmittel sammeln, Kleider und Medikamente bereitstellen und an die dafür vorgesehenen Hilfseinrichtungen zu bringen, sind im Moment notwendige Hilfen für die Menschen, die uns aber nicht genug erscheinen. Hier ein kleiner Auszug aus unseren unterschiedlichen gesammelten Ideen, wobei es uns auch wichtig ist, alle anderen guten Aktionen wertzuschätzen und keinen vermeintlichen Helferwettbewerb entstehen zu lassen.

Solidarität kann gelingen, wenn aktives Zuhören und Empathie auf unterschiedlichen Ebenen geschehen, in Gesprächen mit den Helfenden und den Betroffenen. Viele von uns bieten Beratung, Supervision, Kunsttherapie oder ähnliches an, als eine mögliche Entlastung für Menschen, die in ihrem beruflichen Alltag mit Geflüchteten und deren schwierigen Lebenssituationen zu tun haben.

Gesprächsrunden mit geflüchteten Menschen zu solchen Themen können hilfreich sein:


  • Dein Leben zu Hause, deine Fluchterlebnisse
  • Was brauchst du hier und jetzt? 
  • Und von wem?

Dabei wird es nicht nur ums Zuhören, sondern auch ums Mitfühlen gehen, um gemeinsam mit den belasteten Menschen zu trauern, aber auch - und trotz allem - das Lachen nicht zu verlernen.

Einige von uns wollen in ihrer Nachbarschaft Kontakte herstellen oder wiederbeleben, die evtl. schon als Gemeinschaften in der ersten Flüchtlingswelle von 2015 aktiv waren.

Wir wollen auf die Veröffentlichung eines Buches von Susanne Stein aufmerksam machen, in dem es darum geht, Eltern, Erzieherinnen und Helfer:innen Hilfen und Unterstützung im Umgang mit traumatisierten Kindern zu geben Das Buch, das bereits in viele Sprachen übersetzt worden ist, auch in die ukrainische, steht kostenfrei auf der genannten Seite: www.susannestein.de zum Download bereit.

Wir würden uns freuen, wenn Sie den Hinweis auf das Buch, aber auch andere interessante Ideen zur konkreten Unterstützung von Betroffenen verbreiten würden.

Die TZI, und hier besonders das 1. Axiom, können uns helfen, auch kleinste Schritte zu würdigen: „Die Autonomie des Einzelnen ist umso größer, je mehr er sich seiner Interdependenz mit allem und allem bewusst wird.“

Zur Klärung möchten wir noch betonen, dass unsere Solidarität allen von Krieg und Vertreibung bedrohten Menschen gilt. Neben den Ukrainern denken wir zum Beispiel auch an die von dort fliehenden Ausländer:innen, Menschen aus Syrien, Afghanistan oder Afrika.

… und danach?

Zuletzt beschäftigte uns die Frage, was nach dem Krieg kommt - noch haben wir die Hoffnung, dass dies baldmöglichst zu Ende sein möge. Uns wurde klar, dass wir uns auf eine lange Zeit der Hilfe und Solidarität einstellen müssen. Neben Versöhnung, Trost, Unterstützung und Beheimatung, die aktuell gefordert sind, gilt es auch, Perspektiven für die fernere Zukunft zu entwickeln. Es wird ein neuer Anfang werden, und nichts mehr wird so sein wie es einmal war. Beim Blick zurück in unsere eigene deutsche Geschichte kann der Gedanke, trösten, dass ein Neuanfang dann gelingen kann, wenn das Erlebte und Gewesene aufgearbeitet wird.

„Arbeitskreises Therapie und Beratung im Ruth Cohn Institut“: Irmgard Brake, Sabine Bremer, Andreas Mohs, Hansfried Nickel, Angelika Rubner, Eike Rubner, Christel Wagner. Die anderen Mitglieder unseres Arbeitskreises waren aus verschiedenen Gründen an der Teilnahme bei dem Treffen 4.-6.3.22 in Mainz verhindert.