Geschichte der TZI

Was Sie in der Entwicklungsgeschichte der TZI erwartet

  • wie die persönlichen und soziohistorischen Erfahrungen Ruth Cohns das TZI-Konzept geprägt haben und was das für eine wertegeleitete Haltung heute bedeutet
  • welche Spuren die Auseinandersetzung mit dem Totalitarismus, autoritärem Denken und Asymmetrien in Beziehungen im Wertesystem der TZI hinterlassen haben
  • welche Spuren wollen wir als diejenigen, die heute TZI praktizieren und lehren, in Gegenwart und für die Zukunft hinterlassen
  • was sich aus der Geschichte lernen und auf heute übertragen lässt, was heute gänzlich anders und was ähnlich bis gleich ist.

Die TZI ist ein wertegeleitetes, systemisches, handlungsorientiertes Kooperationsmodell mit klarer ethischer Ausrichtung und gesellschaftstherapeutischer Wirkung.
Entwicklung und Geschichte der TZI sind untrennbar mit der Lebensgeschichte und Entwicklung Ruth Charlotte Cohn, geb. Hirschfeld, vernetzt.
„Zur TZI gehört, den antifaschistischen Hintergrund mitzubedenken. Für neue Leute muss das immer wieder gesagt werden, da es ihnen nicht selbstverständlich ist, dass die TZI aus den Erfahrungen des Nationalsozialismus und aus der Psychoanalyse kommt.“ (Cohn. In Krämer 2002, 22)

Helga Herrmann, eine engste Freundin, bei der Ruth Cohn seit den neunziger Jahren lebte und die sie bis zum Tod pflegte, schreibt, Ruth Cohn habe die TZI dem „Leben und einem gut funktionierenden Gruppenprozeß abgelauscht“ (Herrmann 1992, 32)

und sie immer wieder an der Realität, die für sie eine Autorität ist, geprüft.

Lebenslang begleiteten Ruth Cohn die Fragen: Wie kann es gelingen,

  • dass Menschen sich selbst und andere als Individuen und Sozialwesen ganzheitlich als gleichwertig und gleich wichtig bestmöglich verstehen und respektieren lernen,
  • dass Menschen sich selbstständig, selbst- und sozialverantwortlich organisieren und leiten („Selbstverwirklichung ist nur partnerschaftlich möglich“ Cohn) und
  • dass die Gesellschaft so humanisiert und demokratisiert wird, dass eine verbrecherische Politik, wie die der Nazis, in Zukunft keine gesellschaftliche Basis mehr findet?

Von der kindlichen Empörung zum TZI–Konzept

1931 - 1932
Ruth Cohn wuchs in einem assimilierten jüdischen Elternhaus auf. Schon in Kindheit und Jugend irritierten und empörten sie Diskriminierungen –Jungen/Mädchen; Erwachsene/Kinder; Herrschaften/ Dienstpersonal und Lieferanten, Arme/Allzureiche - und sie lehnte sich dagegen auf.
Sie erlebte das als ungerecht und nahm sich vor, sich für Gleichheit, Gleichwertigkeit der Menschen und soziale Gerechtigkeit zu engagieren. (vgl. Brühlmann-Jecklin 2010, 16)

„Ruth Cohn [war] von Kindheit an offen für die Sorgen und Not anderer und half beispielsweise in den Ferien in der ‚Zentralstelle für private Fürsorge’, wo sie das Elend der Wirtschaftskrise, der Arbeitslosigkeit und Armut miterlebte.“ (Zundel 1987, 679)

Soziale Empathie gepaart mit einer hohen Sensibilität für ungerechte, Menschen manipulierende, missbrauchende, verachtende und ausschließende Strukturen, Handlungen und Verhaltensweisen begleiteten sie lebenslang. (vgl. Scharer 2020, 49)

1928
Während der Schulzeit führte Carola Speads – Schülerin von Elsa Gindler – Ruth in die „Methode des bewussten Körpererlebens" ein. vgl. I. Axiom, Chairpersonpostulat, Hilfsregeln

Nachdem eine Psychoanalytikerin, Mutter ihres Freundes, ihr von ihrem Beruf erzählt hatte, war für sie klar, Psychoanalytikerin werden zu wollen.

„Ich will Menschen besser verstehen. Auch mich." (Cohn 1994, 347)

1931 – 1932
Studium der Nationalökonomie und Literatur (Friedrich Gundolf) in Heidelberg und der Psychologie (Wolfgang Köhler), Literatur, Philosophie und des Journalismus in Berlin.

Vom Bleiberecht zur Niemandsbürgerin

31.03.1933
Nach der Machtergreifung der Nazis und beängstigenden Erfahrungen mit diesem System flüchtete sie von Berlin nach Zürich.

1933 – 1939
In Zürich studierte sie Psychologie, belegte - mit Sondererlaubnis - vorklinische Medizin und psychiatrische Vorlesungen/Praktika, und später noch zusätzlich Philosophie, Literatur, Theologie, Pädagogik, um durch den Status Vollzeit-Studentin ihr Bleiberecht langzeitig zu sichern.

1933 – 1939
Parallel dazu folgt sie ihrer Leidenschaft und ihren Hauptinteressen:

  • Ausbildung zur Psychoanalytikerin in der Internationalen Gesellschaft für Psychoanalyse (IGP)
  • Einsatz und Engagement für in die Schweiz geflüchtete Juden

Ihre Lehranalyse war geprägt durch ihre langjährige positive Übertragung auf ihren Analytiker, Medard Boss, und seine Abstinenz, Vergangenheitsfixierung und Ausblendung ihrer Ängste, Belastungen und Besorgnisse bzgl. des Nazi-Terrors und der in Deutschland zurückgebliebenen Familienangehörigen, die er als „Ablenkung vom Eigentlichen“ bezeichnete.

Wie können die Erfahrungen, Einsichten, Erkenntnisse „der Couch“, sich (und andere MS) besser zu verstehen und bewusster zu handeln, für viele Menschen und größere soziale Zusammenhänge nutzbar gemacht werden? (vgl. Johach 2012, 1) vgl. Intention der TZI

Diese Frage ließ sie nicht mehr los und sie zu beantworten, machte sie sich zur Lebensaufgabe.
„Die Welt ist unsere Aufgabe“ (Cohn 1974,164)

1939 – 1941
Private Behandlung von Patient*innen in Kontrollanalyse (Gustav Bally) und therapeutische Arbeit als Psychologin in einer psychiatrischen Klinik in Wil, St. Gallen

1936
Ausbürgerung aller im Ausland lebender Jüd*innen aus Deutschland und „Niemandsbürgerin“ ohne Pass

1938
Heirat mit Hans Helmut Cohn, damit die Schwiegereltern ausreisen konnten

1940
02.02.1940 kommt ihre Tochter Heidi als Staatenlose zur Welt

15.04.1940
Die Eilmeldung, die Nazis hätten die nahe Schweizer Grenze überschritten, stürzte Ruth Cohn in einen tiefen Konflikt: Sollte sie sich und ihre Tochter mit Morphium schmerzlos töten oder das Angebot der Spitalverwalterin, die Tochter als ihr Enkelkind auszugeben, annehmen?
Die Nachricht erwies sich als Fehlalarm und enthob Ruth der Entscheidung.
Doch diese existentielle Grenzerfahrung – Selbsttötung/Tötung der Tochter und größte Mitmenschlichkeit einer fast fremden Frau – veranlassten sie lebenslang, sich für humane Werte insbesondere „Lebensförderung und Liebe“ zu engagieren, ihre Verletzung zu ahnden und sie zu verteidigen. (Brühlmann-Jecklin 2010,36) vgl. TZI-Konzept II. und III. Axiom

Ihr Resümee der Jahre in Zürich mündete in eine Selbstverpflichtung und eine Zielsetzung:

„Das Grauen der Zeit erlebte ich sehr tief. Daß ich in Zürich leben konnte, erschien mir als ein seltsam schicksalhaftes Geschenk. Es blieb mein Leben lang für mich eine entscheidende Aufforderung, etwas mit dieser Gabe anzufangen, was einem Dank entspräche…“ und: „...seit meinen Erfahrungen mit der Nazizeit, wollte ich einen Weg finden, gesellschaftstherapeutisch zu arbeiten, pädagogisch und politisch.“ (Cohn/Farau 1984, S. 213; Arndt 2010, 27)

Mut, Reflexion und Inspiration formieren das TZI-Konzept

15.04.1941
Einreise in die USA

1941 – 1946
Die psychoanalytische Ausbildung von Nichtmediziner*innen wurde von der NYPS (New York Psychoanalytic Society) nicht anerkannt. Man empfahl ihr deshalb, mit Kindern zu arbeiten.
So absolvierte sie ein duales Studium in Early Childhood Progressive Education an der Bankstreet School in New York City. Diese vertrat ein psychoanalytisch- und entfaltungsorientiertes Konzept, in dem Kinder als „richtige und wichtige Menschen“ wahr- und ernstgenommen wurden.
Ziel der pädagogischen Arbeit war das Wachstum, d.h.
„... ihre Spiel- und Arbeitsfreude, Kreativität und Selbständigkeit ihren Reifungszeiten entsprechend (zu M.S.) fördern“. (vgl. Cohn/Farau 1984, 326ff)
Die dort gemachten Erfahrungen wurden wesentliche Quellen für zwei TZI - Prinzipien „Lebendiges Lernen“ und „Hier und Jetzt“ und flossen auch ein in das II. Axiom.

Parallel dazu betrieb sie psychotherapeutische Studien am William Alanson White Institute in New York zur interpersonellen Beziehungstheorie von Harry Stack Sullivan, die
„den Therapeuten nicht neutral-abstinent, sondern als empathisch partizipierenden Beobachter sieht.“ (Herrmann 1992, 31) (vgl. partizipierende Leitungsfunktion)
und studierte an der Columbia University mit den Abschlüssen Master Degree (M.A.) und Diplompsychologin.

Nach der Einreise und verschärft durch die Trennung von ihrem Mann nach der Geburt ihres Sohnes, Peter, erlebte sie Armut. Tagsüber kümmerte sie sich um ihre Kinder, wollte eine präsente Mutter sein. Abends bis spät in die Nacht arbeitete sie in ihrer privaten psychotherapeutischen Praxis zunächst nur mit Kindern und später dann auch mit Erwachsenen in New York bis 1972.

1948 – 1951
Ausbildung in Gruppentherapie bei den Pionier*innen Asya Kadis, Samuel Flowermann und Alexander Wolf. Ruth begann sich von der klassischen Psychoanalyse zu entfernen bzw. sie zu erweitern.

1949 – 1961
1948 hatte Theodor Reik, Freud-Schüler und Nichtmediziner, die NPAP (National Psychological Association for Psychoanalysis) gegründet,
„die niemanden diskriminierte (auch nicht Mediziner!)“ (Cohn 1994, 349).
Reik’s Ansatz „Hören mit dem dritten Ohr“, das eigene Unbewusste in der Therapie in den Dienst des Zuhörens zu stellen, wurde ihr wertvollstes therapeutisches Werkzeug. (Cohn/Farau 1984, 232) (vgl. geübte/geschulte Intuition)

1954
Ruth wurde aktives Mitglied, beteiligte sich am Aufbau und fand ihre erste berufsständische Heimat. Durch die NPAP war sie legitimiert, endlich auch mit Erwachsenen therapeutisch zu arbeiten. Später wurde sie Fakultätsmitglied, Lehrtherapeutin und Chairperson der Ausbildung.

Ab 1954 unterrichtete sie am NPAP und am PGC (Postgraduate Center for Psychotherapy) „Psychoanalytic Theories of Child Development”. (Cohn/Farau 1984, 333)
Der Stoff lag ihr sehr, doch ihre Lehrform - Vorlesung, mitschreibende Studierende, abschließende Frage-Antwort-Dialoge - missfiel ihr zunehmend. Ihr fehlten noch die Ideen, wie sie die Studierenden mehr beteiligen und zugleich die Stofffülle bewältigen könnte. Ihre nagende Unzufriedenheit trieb sie an, nach Alternativen zu suchen, die eine direkte Beteiligung und einen interaktiven Austausch der Teilnehmenden ermöglichen, ohne die Stofffülle zu vernachlässigen. (vgl. Cohn/Farau 1984, 333) vgl. 4 Faktorenmodell der TZI

1955
Das Thema „Gegenübertragung“ ließ ihr keine Ruhe. Als das NPAP seine Aufnahme ins Curriculum ablehnte, organisierte Mildred Newman-Berkowicz privat den ersten einjährigen „Übertragungsworkshop“ mit neun Ausbildungskandidat*innen.(Cohn 1994, 349)
Für das erste Treffen entschied sich Ruth Cohn für eine außergewöhnliche, revolutionäre, tabubrechende Lehrform. Sie verließ die neutral-abstinente Rolle. Sie legte sich „symbolisch“ auf die eigene Couch und berichtete ihre Schwierigkeiten mit einer Patientin live, indem sie die im Hier-und-Jetzt auftauchenden Gefühle, Assoziationen, Gedanken,… unzensiert äußerte. Im Erzählen und sich selber Zuhören fiel ihr selber schon einiges auf, was sie in der Therapie mit der Patientin behinderte. Schwerwiegender war aber ihr Empfinden und die Vermutung, dass die zuhörende Gruppe wie ihre Patientin schon alles wisse. So fragte sie „Was ist eigentlich bei Euch jetzt los?“ Es entwickelte sich eine lebendige Interaktion zwischen den Teilnehmenden. Sie erzählten nicht nur, was ihnen - in der Identifikation mit der Patientin/Ruth und assoziativ - zum Fall einfiel, sondern auch von sich selber und eigenen Fällen, nahmen Bezug, reagierten kognitiv und emotional aufeinander. Ruth hörte zu, ihre Gefühle/Gedanken zu den Äußerungen innerlich prüfend bis nach einem Moment der Leere, ihr der erkennende Einfall kam.(vgl. Cohn/Farau 1984, 266ff)

Rückblickend bewertete sie dieses Vorgehen, als sehr mutig und
„eine schwere doch zweifellos die fruchtbarste Entscheidung meines professionellen Lebens.“ (Cohn, 1984, 266 und 1994, 350)

Die Erfahrungen in weiteren Gegenübertragungsworkshops, Seminaren und ihrer Lehrtätigkeit (ab 1957) in der Abteilung Gruppentherapie am Center for Psychotherapy identifizierte sie verschiedene, noch namen- und zusammenhanglose „Puzzlesteine“, die Keimzelle ihres späteren TZI-Konzepts wurden

  • sich selber, die anderen- als Einzelne und Gruppe - und die Aufgabe beachten (Ich, Wir, Es)
  • im Hier-und-Jetzt arbeiten, denn „der Hier/Jetzt Schnittpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft ist der einzige Augenblick im Leben, in dem ich handeln kann.“… „in dem Handlungen und Veränderungen vollzogen werden können.“ (Cohn/Farau 1984, 300 und 316)
  • sich am „Energiestrom“ der Gruppe orientieren, ihn nutzen, der Gruppe und ihrem kreativen Potential vertrauen (vgl. Cohn/Farau 1984, 261),
  • als Leiter*in immer neu entscheiden, sowohl wann Zurückhaltung oder Richtung geben als auch wann ein Sich-Einbringen als Mit-Mensch und in welcher Dosierung angesagt sind, um den Prozess zu fördern (Takt und Timing, partizipierende Leitungsfunktion, und selektive Authentizität) (ebd.)

Neben ihrer Praxis- und Ausbildungstätigkeit leitete sie (sozial)-pädagogische Seminare, Tagesveranstaltungen und Supervisionen zu unterschiedlichen Inhalten - Fällen, Kommunikation in Unternehmen, Konferenzgestaltung, Teamentwicklung - mit Sozialarbeiterinnen, Krankenhausmitarbeiterinnen, Führungskräften eines Wirtschaftsunternehmens.
„Ich fühlte deutlich, daß ich methodisch arbeitete und dies lehrbar sein müsse, aber ich war mir noch nicht über das Was und Wie der Methode klar.“ (Cohn/Farau 1984, 342)

60iger Jahre
1961 wird Ruth Cohn aktives Mitglied der AAP - American Academy of Psychotherapists-, deren Fokus die Weiterentwicklung der Person der Therapeut*innen ist. Die AAP war für die Weiterentwicklung der Psychoanalyse und unkonventioneller therapeutischer Methoden ein Gedeihraum, in dem experimentiert und miteinander lebendig gelernt wurde. Unter dem verbindenden Dach gleicher Werte entstand hier die Humanistische Psychologie als dritter Weg neben der Psychoanalyse und dem Behaviorismus.
Ruth begegnete hier Gleichgesinnten und arbeitete z.B. mit Albert Ellis (RET), Asya Kadis (Gruppentherapie), Alexander Lowen (Bioenergetik), Elisabeth Mintz (Encounter), Jacob Levy Moreno (Psychodrama), Fritz und Laura Perls (Gestalttherapie), Carl Rogers (Klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie), Virginia Satir (Familientherapie).

In den jährlichen mehrtägigen Sommerworkshops der AAP stellten die Kolleg*innen sich ihre Arbeitsweise, neue Ideen und therapeutischen Ansätze vor, erprobten sie miteinander live, gaben sich konstruktive Feedbacks. Sie besuchten in kleinen Gruppen die Kliniken ihrer Kolleginnen, um diese dort zu beobachten und/oder zusammen zu therapieren. Dafür bereiteten sie sich mit „Rollenspielen“ vor, in denen jeder mit dem eigenen Ansatz intervenierte. Ruth war als Protagonistin/Patientin gefragt, weil sie sich in unterschiedlichste, psychiatrische Krankheiten empathisch hineinversetzen konnte. Das war ein großer Gewinn für sie. Denn als Patientin erlebte sie so leibhaftig die Wirkkraft und
„in kürzester Zeit das Wesentliche der verschiedenen Arbeitsweisen hervorragender Kollegen.“ (Cohn/Farau 1984, 287)

1965
Ihre wichtigsten Begegnungen waren mit John Warkentin und Carl Whitaker (symbolisch-experimentelle Familientherapie). Beide arbeiteten ganzheitlich, fokussierten im Hier-und-Jetzt das Gesunde nicht das Pathologische. Beide begegneten ihren Patientinnen partnerschaftlich, authentisch, äußerten ihre Gedanken und Gefühle. Ruth arbeitete mit ihnen eine Woche in deren Klinik.
„Ich war fasziniert. Ich fühlte, daß hier auch ein Stück meines eigenen Weges liegen könnte: mich einzulassen auf emotional-bildhaftes Entdecken meiner Reaktionen auf den Patienten.“ (Cohn/Farau 1984, 275)

Immer mehr entfernte sich Ruth Cohn von der klassischen Analyse, wandte sich der Erlebnis- und Gestalttherapie zu, machte noch eine Ausbildung bei Fritz Perls.

Ruths Fähigkeit, kooperatives, fruchtbares, interaktives Lernen zu initialisieren, und deren Wirkung - sei ihr „Charisma“ - so die Kommentare ihrer Kolleg*innen. Sie winkte ab, da sie seit den Übertragungsworkshops spürte, dass sie aus ihrer inneren Haltung heraus etwas Methodisches tat.
All die Jahre hatte sie ein Seminarnotizbuch geführt, in dem sie das ihr Wichtige - Erinnerungen, Empfindungen, Interventionen, Arbeitsweisen, methodische Elemente, Vorgehensweise - festhielt. Wiederholt studierte sie dieses, um zu erkennen, was sie wie, weshalb, mit welchen (Aus)-Wirkungen gemacht hatte und wie das alles zusammenhängen könnte. Die „Bausteine“ ihres Leitens und Lehrens in Gruppen nahmen zu und wurden immer klarer. Doch die aufklärende Erkenntnis der „Architektur“ verweigerte sich ihr lange.

Das Unbewusste schenkte ihr in einem Traumbild die Lösung:

„Eines Nachts […] träumte ich von einer gleichseitigen Pyramide. Im Aufwachen wurde mir sofort klar, daß ich die Grundlage meiner Arbeit ‚erträumt‘ hatte. Die gleichseitige Traumpyramide bedeutete mir: Vier Punkte bestimmen meine Gruppenarbeit. Sie sind alle vier miteinander verbunden und gleich wichtig. Diese Punkte sind:

  • die Person, die sich selbst, den anderen und dem Thema zuwendet (= Ich);
  • die Gruppenmitglieder, die durch die Zuwendung zum Thema und ihre Interaktion zur Gruppe werden (=Wir);
  • das Thema, die von der Gruppe behandelte Aufgabe (=Es);
  • das Umfeld, das die Gruppe beeinflußt und von ihr beeinflußt wird – also die Umgebung im nächsten und weitesten Sinn (= der Globe)." (Cohn/Farau 1984, 343f).

Diese vier Faktoren bestimmen jede Gruppe. Die Gleichseitigkeit der Pyramide symbolisiert, dass alle 4 Faktoren gleich wichtig und bedeutsam sind.
„Und mit dieser Gleichwichtigkeit von Ich-Wir-Es und Globe war die Gruppenführung mit TZI definiert. … Ich veränderte danach das Symbol der Pyramide in ein Dreieck in der Kugel, weil diese Figur optisch deutlicher ist.“ (Cohn/Farau 1984, 344)

Das Werkzeug, das Dreieck in der Kugel - auch TZI-Kompass genannt -, war entdeckt. Um die Gleichgewichtigkeit der 4 Faktoren zu realisieren, fügte sie die „dynamische Balance“ hinzu, der im späteren TZI-Konzept noch weiterreichende Bedeutung und Wirkkraft zugeschrieben werden. Mit dem TZI-Kompass lassen sich Gruppenprozesse jedweder Art beobachten, planen, steuern und reflektieren.

Dieses Instrument galt es nun, einzubetten in eine Rahmung, die es mit den Werten, der Intention und der Haltung unverbrüchlich verknüpfte.
„Methode und Haltung gehören in der TZI so untrennbar zusammen, wie Form und Gehalt bei einem Kunstwerk oder Leib und Seele beim Menschen.“ (Cohn/Farau 1984, 370)

Die Elemente der Rahmung sind

  1. drei das Fundament bildende Axiome - anthropologisches, ethisch-spirituelles und pragmatisch-politisches -
  2. zwei darauf aufbauende Postulate – Chairperson- und Störungspostulat
  3. sechs Prinzipien - Dynamische Balance, Lebend(ig)es Lernen, Hier-und-Jetzt-Prinzip, Partizipierende Leitungsfunktion, Selektive Authentizität, Themenzentrierung (und -formulierung MS)
  4. sechs bis elf Hilfs“regeln“ (Chairperson- und Störungspostulat unterstützende Verhaltensimpulse MS).

Ruth Cohns Grundüberzeugungen wurzeln in der holistischen, humanistischen Philosophie und weisen Parallelen zur Existenzphilosophie auf. Aus diesen Quellen speisen sich die Rahmenelemente in unterschiedlicher Mischung und Dosierung.

Das zentrale Anliegen der TZI - sowohl gesellschaftspolitisch, als auch gesellschaftstherapeutisch wirksam zu sein - und die Themenzentrierung, unterscheidet TZI von allen anderen Gruppenkonzepten der Humanistischen Psychologie, Sozialpsychologie und Pädagogik.

In einer interdisziplinären Langzeitgruppe überprüfte sie mit Kolleg*innen die Tragfähigkeit der Axiome und erprobte die Praktikabilität ihrer Methoden. (vgl. Bornebusch 2010, 2)

1966
Gründung des Workshop Institute for Living-Learning (WILL) in New York - als Ausbildungs-, Weiterbildungs- und Forschungsinstitut für Theme-Centered Interaction (TCI) gemeinsam mit Kolleg*innen.

  • Den Namen TZI ‘erfand‘ Frances Buchanan.
    „TZI dient praktisch dazu, Themen und Aufgaben menschengerecht zu behandeln, respektive zu lösen. In diesem Sinne stehen Thema oder Aufgabe im Zentrum der Absicht, nicht jedoch im Zentrum der Wichtigkeit des Menschlichen, der Gemeinschaft, der Umwelt.“ (Cohn/Farau 1984, 595)
  • Das Living-Learning trug Norman Liberman bei.
  • Ruth Cohn war es wichtig, dass die Abkürzung des Institutsnamen den Sinn wiederspiegelt
    „denn ‚will‘ bezeichnet die Freiheit persönlichen Wollens innerhalb äußerer Bedingtheiten und innerhalb der inneren Bedingtheiten des ‚Möchte‘, des fragwürdigen ‚Sollte‘ und des echten ‚Soll‘“. (Cohn/Farau 1984, 590)
    „‚Ich will‘ ist die bewußte, integrierte Antwort auf ‚Ich möchte, muß, sollte und soll‘“. (Cohn/Farau 1984, 345)

Gemeinsam konzipierten sie ein Curriculum für die Ausbildung in TZI und bildeten Interessierte aus. Schwerpunkte waren Persönlichkeitsentwicklung, Hineinwachsen in die TZI-Haltung und praktisches methodisches Arbeiten mit TZI.
Die erste WILL- Generation engagierte sich aktiv durch Mediation und Seminare für die Verständigung zwischen Coloured People/Weißen, Politikern/Bürgerinnen in akuten Konflikten und sozialen Brennpunkten.(vgl. Zieman 2002; Cohn/Farau 1984, 346 - 348)
"Durch WILL bekam der "TZI-Approach", die TZI, eine Möglichkeit, auf breiterer sozialpolitischer Basis Fortschritte im pädagogisch-therapeutischen Kampf gegen Inhumanität zu erzielen."(Cohn/Farau 1984, 346)

TZI geht auf die Reise

1968 Internationaler Kongress für Gruppenpsychotherapie Wien
Ruth Cohn berichtete über den Gegenübertragungsworkshop und TZI-Supervision. Man forderte sie auf, spontan einen TZI-Workshop anzubieten. In diesem thematisierte sie u.a. die notwendige Balance zwischen Nehmen und Geben in der therapeutischen Arbeitsbeziehung. Ein Teilnehmer fragte, ob sie sich denn auch das genommen habe, was sie für sich wollte.
„‚Nicht ganz. Ich bin zum Teil auch hierher gekommen, um von Ihnen zu erfahren, was Sie während der Nazi-Zeit gemacht haben. Und wie Sie darauf reagieren, daß ich als deutsche Jüdin jetzt in Wien bin und Ihnen etwas aus Amerika bringe.‘ Die Antworten kamen schnell und ohne erkennbare Emotionen: Sie hätten bereits wieder Kontakt zu Juden gehabt, sie hätten damals ja gar keine Juden gekannt, es mache ihnen überhaupt nichts aus, der Krieg und das alles sei ja längst vorbei usw.“ (Cohn/Farau 1984, 376)
Dennoch - für sie überraschend - wurde sie zum DAGG-Kongress (Deutscher Arbeitskreis für Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik) und zu den Lindauer Psychotherapiewochen eingeladen.

1969 DAGG-Kongress in Bonn
Wenige Stunden vor Kongressbeginn wurde Ruth Cohn klar, dass sie keinen TZI-Workshop geben, sondern ein Kongressplenum über „Sensivity Training“ leiten/moderieren sollte. Sie spürte und ergriff die Chance, das in TZI-Art als Chairperson zu tun. Die sechs Vortragenden stimmten zu, ihre Papiere wegzulegen oder stark zu kürzen, um nach der Podiumsdiskussion die Teilnehmenden zu beteiligen. Ruth stellte sich dem Publikum vor:
„ ‚Ich möchte Ihnen zuerst sagen, daß ich sehr aufgeregt und froh bin, daß ich nach sechsunddreißig Jahren zum erstenmal wieder in Deutschland bin und zu Ihnen sprechen kann…‘“ (Cohn/Farau 1984, 377f)
Danach visualisierte sie das 4-Faktorenmodell, erläuterte seine Bedeutung und was, wie zu tun sei, damit die
„vielen Ichs, das Wir und das Es auch in diesem Auditorium zur Geltung kommen könnten.“ (Cohn/Farau 1984, 379)
Nach dem Podium legte sie eine Schweigepause ein und eröffnete dann die Mikrofondiskussion (2-3‘ Mikrozeit/Person). Einige ergriffen das Wort, niemand hielt die Sprechzeit ein, ihre Versuche zu unterbrechen, blieben erfolglos. Die Diskussion verlief konstruktiv, bis eine Gruppe junger Menschen laut miteinander zu reden begann. Sie bat sie, sich über das Mikrofon zu beteiligen, worauf der Sprecher erwiderte:

„‘Gnädige Frau, es ist uns wichtiger, was wir miteinander zu besprechen haben.‘
Ich wehrte die Anrede ‚Gnädige Frau‘ ab, weil ich sie - und das sagte ich - als Spott empfand. Ich sei Frau Cohn oder Ruth.
Das Publikum reagierte mit Empörung auf die Studenten: ‚Schmeißt sie raus!‘ Ich selbst war sehr gelassen und bat um Ruhe. Diese jungen Leute hätten ja nichts anderes getan als andere auch - nämlich eine Regel verletzt. Andere Teilnehmer hätten ja auch Regeln verletzt, zum Beispiel zu lange am Mikrofon gesprochen. - Das Publikum beruhigte sich. Die jungen Leute (linke Berliner Studenten, wie ich nachher hörte) kamen geordnet zum Mikrofon. Sie sprachen nicht länger als zwei Minuten. Sie vertraten die These, daß Gruppendynamik und Sensivity Training nur den Ausbeutern dienten und nichts anderes als neue Waffen des Kapitalismus seien. Es gab eine lebhafte verbale Auseinandersetzung zwischen ihnen und Teilnehmern, die gegenteilige Meinungen vertraten. Diese Gespräche wurden auch nach der Sitzung weitergeführt.
Nach Schluß der Veranstaltung kam ein älterer Herr begeistert auf mich zu: ‚Ich weiß, warum Sie uns schweigend nachdenken und per ‚Ich‘ sprechen ließen. Auf diese Weise vermeiden Sie Massensuggestion und Massenhysterie.‘ So hatte ich über das Schweigen noch nie nachgedacht. Ich wollte ‚nur‘ die Autonomie des einzelnen und sein Bei-sich-Sein fördern. Daß gerade dies die erste Aussage eines Teilnehmers in Deutschland über TZI war, gab mir mehr als nur ein vorübergehendes Glücksgefühl. Es war eine Bestätigung, daß meine Arbeit politische Auswirkungen haben könnte. - In WILL-New York war diese mir wichtige Dimension: daß TZI-Ansätze einen therapeutisch-politischen Einfluß haben könnten, bereits auf dem Flugblatt über die Eröffnung des WILL-Institutes von meinen Kollegen als inopportun aus meinem Entwurf gestrichen worden. Ich hatte ihrem Konsens, daß wir dies nicht in unser Programm schreiben sollten, damals sehr traurig nachgegeben. Für mich jedoch blieb das tragende Element der TZI eine politisch-therapeutische, vom Pädagogischen her umzusetzende Verpflichtung, die ich seit meiner Flucht vor den Nazis empfand: ‚Here but for the grace of God go I.‘“ (Für mich übersetzt: Es ist nicht mein Verdienst, daß ich gerettet wurde.)“ (Cohn/Farau 1984, 379f)

1970 – 1972 Lindauer Psychotherapiewochen
Ruths TZI-Workshops waren sehr gefragt, u.a. auch wegen ihrer Kenntnisse und Erfahrungen in Gestalt- und Erlebnistherapie, die in den deutschsprachigen Ländern fast unbekannt waren.
So lehrte sie diese implizit in ihren TZI-Workshops und explizit in Sonderseminaren in den ersten Jahren ihrer Europazeit.

27.08.1972 Gründung WILL Europa in Küsnacht
Die erste Ausbildungskommission (12/1973) passte das amerikanische Curriculum der TZI für die deutschsprachigen Länder an.:
18 fünftägige Kurse mit 18 Arbeitseinheiten a 90‘ bis zum Fähigkeitsausweis/ heute Diplom – ein zeitintensiver und anspruchsvoller Ausbildungsgang.
Zahlen der ersten 10 Jahre:
15 Regionen (11 deut. /4 europ.), 900 Mitglieder (Beitrag 20 DM/Person), 781 Ausbildungskurse, 150 FA-Gruppenleiter*innen, 50 Graduierte, Budget 500.000 SFR incl. Kursleitungshonoraren.(vgl. WILL-Europa 1982 11, 18-19)

1973 – 1974
Ruth Cohn arbeitete als TZI-Lehrerin, -Supervisorin und -Beraterin im Westfälischen Kooperationsmodell (WKM) in Vlotho, einer von Werner Rietz und Annedore Schultze geleiteten Organisation für Jugend-, Lehrer- und Familienbildung. Das Ziel des WKM war „Mehr Initiative und Kooperation im örtlichen Gemeinwesen“ mit dem Focus Entwicklung und Förderung der Mitwirkung von Eltern.

Ruth erlebte die deutsche gesellschaftspolitische Situation und Entwicklung live mit und kam auch in Kontakt mit Politiker*innen aller drei Ebenen.

1974 – 1998
Ruth Cohn wurde sesshaft in Hasliberg-Goldern/Schweiz.
Jahrzehnte arbeitete sie als TZI-Lehrerin, Beraterin und Supervisorin für das Kollegium der dortigen Ecole dé Humanité, einem internationalen, humanistisch-holistischen Internat, das von Paul Geheeb und Edith Geheeb-Cassirer 1934 nach der Schließung der Odenwaldschule durch die Nazis und der Emigration mit einigen Mitarbeiterinnen und Schülerinnen zunächst in Versoix und 1946 in Hasliberg gegründet wurde.

Parallel dazu betrieb sie eine freie erlebnis- und gestalttherapeutische und supervisorische Praxis, gab TZI-Kurse und unterstützte ihr wichtige gesellschaftspolitische Entwicklungen, Institutionen und Projekte im deutschsprachigen Raum

Als die TZI Fuß gefasst, sich in unterschiedlichen Praxisfeldern erfolgreich bewährt hatte und die Ausbildung von amerikanischen und deutschsprachigen Graduierten durchgeführt wurde, zog sich Ruth Cohn aus der organisatorischen Arbeit zurück.
Handelnd und schreibend wandte sie sich vermehrt ihren „Herzensanliegen“ - gesellschaftlichen, politischen, ökologischen und später auch spirituellen Themen – zu (z.B. Supervisionen mit Schweizer Politikerinnen, mediative Interventionen in konkreten gesellschaftlichen Konflikten, Leitung eines IPPNW-Kongresses, …), schrieb und veröffentlichte Bücher, Fachartikel, alte und neue Gedichte. (mehr hierzu z.B. in: Brühlmann-Jecklin 2010)

1977 – 1980
Begleitung Peter Fratton in der Konzeptualisierung und Implementierung des ersten „Haus des Lernens“ in Romanshorn/Schweiz

1978ff
Im Arxhof, einer mauern- und gitterfreien Arbeitserziehungsanstalt für delinquente junge Männer im Kanton Baselland, unterstützte sie den dortigen Arzt und Psychiater, Roberto Lobos, in seiner damals revolutionären Idee, den Arxhof mit TZI in eine große sozialtherapeutische Gemeinschaft umzugestalten.

seit 1978
Seit Gründung des Odenwaldinstituts 1978 stand Ruth Cohn den Gründern Mary Anne und Karl Kübel jahrelang zur Seite. Ziel des Odenwaldinstituts ist Demokratieförderung, indem Bürgerinnen ihre Persönlichkeit und Kompetenzen auf der Basis der humanistischen Psychologie entwickeln und festigen. Ruth Cohn leitete die erste Kursleitertagung und gestaltete mehrere Seminare für die Kursleiterinnen. Die TZI ist bis heute neben der Transaktionsanalyse die wichtigste Wurzel.

1980 – bis heute
Die Dachorganisation WILL Europa entwickelte /strukturierte sich in mehreren Schritten um zum „ruth cohn institute for tci international“ mit dem neuen Label „the art of leading“.
Es besteht heute aus 15 Regionen (2 India, 5 europäische, 8 deut.), dem Förderverein „TZI-Ausbildung für junge Erwachsene“ (FöVe e.V.), vier Fachgruppen und der Anbietervereinigung „professionelle intervisison mit tzi“ (AVPI). Es gibt 3 Abschlüsse Zertifikat, Diplom und Graduierung/ Lehrbefähigung und ca. 1.400 Mitgliedern, 127 Lehrbeauftragte.

Die TZI erschließt sich neue Wirkräume, indem Einzelne oder kleine Gruppen - TZI Diplomierte und Graduierte - in andere Länder gehen und dort mit TZI arbeiten, lehren, in TZI ausbilden und den Aufbau von Regionen unterstützen: Russland, Brasilien, Indien (wichtiger Schritt zum Übergang von TZI in andere, wir-orientierte Kulturen), Polen, Ungarn, Spanien, Kroatien, Lettland.
…„dass Annedore Schultze, Helga Modesto, Mary Anne Kübel und später viele andere WILL-Graduierte und TZI-Diplomierte in andere Länder fuhren, um dort TZI zu lehren, hat sicherlich dazu beigetragen, dass in Polen, Russland, der Ukraine, Ungarn, Indien, Brasilien und Indonesien die Vorurteile gegen Deutsche und Westeuropäer reduziert wurden“. (Zieman 2002, 162)

Das TZI- Konzept hält Einzug in die Aus- und Weiterbildung von Lehrerinnen, Gewerkschafterinnen, Pädagoginnen, Sozialarbeiterinnen, pastoralen Mitarbeiterinnen, Ehrenamtlerinnen.

Die TZI nimmt mit verschiedenen Formaten – Seminar, Workshop, Beratung, Moderation, Mediation, Supervision und Coaching – in unterschiedlichen Anwendungsfeldern Platz, in denen eine Anliegen (Es) orientierte - Aufgaben, Prozesse, persönliche und soziale Kompetenz-, Team-, Projekt-, Unternehmensentwicklung – Zusammenarbeit in Gruppen, Teams, Organisationseinheiten gewünscht, eingefordert und beauftragt wurde.

  • Kindergarten, alle Schularten, offene Jugendarbeit, Einrichtungen der Erziehungshilfe, Straffälligenhilfe
  • Fachbereichen von Universitäten und Fach(hoch)schulen
  • kirchlichen Sozialdiensten, Gemeindearbeit, Telefonseelsorge und Gefängnisseelsorge, Beratungsstellen, Hospizen
  • in mittelständischen und Großunternehmen (z.B. Opel Hoppmann, Rossmann, Bausparkasse Wüstenrot, Otto Versand, SBB, Swissair, Bayer, Daimler, Telekom, Siemens), Kliniken, Pflegeeinrichtungen, Orden
  • Wohlfahrtsverbänden, Landschaftsverbänden, Gewerkschaften, Jugendverbänden, Schuldezernaten bei Bezirksregierungen, Polizei
  • in der politischen Bildung – Demokratieförderung -, Friedens- , Ökologie- und Zukunftsbewegung, Frauen- und Mädchenprojekten, Familienzentren, Mehrgenerationenprojekten, Selbsthilfegruppen
    politischen Parteien und Gremien, Kommunen.

„…für mich (ist M.S.) der politische Aspekt der TZI das Wichtigste. ...TZI hilft, die Demokratie zu stärken und die Verführbarkeit von Deutschen und anderen Menschen durch fremdenfeindliche Demagogen zu reduzieren. Am meisten freut es mich, wenn TZI Menschen von verschiedenen Völkern hilft, ihr Misstrauen und ihre Vorurteile übereinander abzubauen und in dem Menschen eines anderen Volkes einen Einzelnen und einen Mitmenschen zu entdecken.“ (Zieman 2002, 162)

Das neue werteorientierte, sozialpsychologisch-pädagogische und sozialpolitische Konzept der TZI, das sich so rasant ausbreitete, evozierte Kritik und Auseinandersetzung. Zu Beginn drehte sich diese um das „Störungspostulat“, dem harmonisierende Wirkung und infolgedessen der TZI insgesamt die Leugnung/Bagatellisierung der gesellschaftlichen Machtverhältnisse unterstellt wurde.
Die zunächst als simpel, wenig fundiert und leicht einsetzbar erscheinende TZI entpuppte sich in wissenschaftlichen Untersuchungen, Reflexionen und interdisziplinären Diskursen als hochkomplexer Ansatz, der u.a. konstitutives Element in der Kommunikativen Theologie wurde. Belege dafür sind zahlreiche Publikationen von Vertreter*innen der Erziehungswissenschaft/ Pädagogik, Philosophie, Psychologie, Politologie, Soziologie, Theologie.

Ob der Label- und Fokuswechsel vom „living learning“ zur „art of leading“ (2011) die Intention und das gesellschaftspolitische und gesellschaftstherapeutische Anliegen der TZI fortschreiben und sichern wird, wird die Zukunft zeigen – berechtigte Zweifel sind angebracht.

„Die Welt ist unsere Aufgabe. Sie entspricht nicht unseren Erwartungen. Jedoch, wenn wir uns für sie einsetzen, wird diese Welt schön. Wenn nicht, wird sie nichts sein.“ (Cohn 1974, 164)

Literatur

Arndt, Erika (2010): Ruth C. Cohn – „Eine Frau macht Schule“. Ein Nachruf in: FORUM SCHULSTIFTUNG 52, 26 - 33
Bornebusch, Wolfgang (2010): In Memoriam Yitzchak Zieman.
http://www.tzi-rw.de/fileadmin/pdf/2010/ In_Memoriam_Yitzchak_Zieman.pdf
Brühlmann-Jecklin, Erica (2010): Das Mögliche Tun. Ruth C. Cohn, Gespräche und Begegnungen. Oberhofen
Cohn, Ruth C. (1974): Die Selbsterfahrungsbewegung: Autismus oder Autonomie? In: Gruppendynamik 5 (3) 160-171
Cohn, Ruth C.; Farau, Alfred (1984): Gelebte Geschichte der Psychotherapie. Zwei Perspektiven. Stuttgart
Cohn, Ruth C. (1994): Gucklöcher. Zur Lebensgeschichte von TZI und Ruth C. Cohn In: Gruppendynamik Zeitschrift für angewandte Sozialpsychologie 25 (4), 345-370
Heidbrink, Horst (1992): „Die Gura lehne ich ab!“ Ein Interview mit Ruth C. Cohn Sonderdruck aus: Gruppendynamik Zeitschrift für angewandte Sozialpsychologie 23 (3) 315-325
Herrmann, Helga (1992): Ruth C. Cohn – Ein Porträt In: Löhmer, Cornelia; Standhardt, R. (Hg): TZI Pädagogisch-therapeutische Gruppenarbeit nach Ruth C. Cohn. Stuttgart, 19-36
Johach, Helmut (2012): Ruth C. Cohn – die Begründerin der Themenzentrierten Interaktion
https://www.rpz-heilsbronn.de/Dateien/Materialien/Fachtexte/johach_ruth-cohn.pdf3, 1-3
Klemmer, Gernot (1999): Gegen die Kälte. Politische Bildung mit TZI In: Neue Beiträge zur politischen Psychologie in der politischen Bildung. Arbeitsmaterial. Landesinstitut für Schule und Weiterbildung Soest 42 - 60
Krämer, Manfred (2002): Ruth Cohn im Gespräch mit Manfred Krämer am 12./13.01. 2002 In: Themenzentrierte Interaktion 16 (1) 16-29
Scharer, Matthias (2020): Ruth C. Cohn: Eine Therapeutin gegen totalitäres Denken. Ostfildern
WILL-Europa (Hg) (1982): 10 Jahre WILL-Europa und seine Regionen Informationen Reflektionen Perspektiven. Euro-Info Sondernummer 27.August 1982 Küsnacht
Zieman, Yitzchak (2002): Völkerverständigung durch TZI In Themenzentrierten Interaktion 16 (1), 161-168
Zieman, Yitzchak (1998): Gedanken zur Aufarbeitung der Geschichte des Dritten Reiches mit Hilfe der Themenzentrierten Interaktion In: Wenn nicht ich, wer? Wenn nicht jetzt, wann? Themenheft der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Nauheim, 45 - 48
Zundel, Edith (1985): Der innere Kompaß Ruth Cohn: Wagnis und Grenzen der Erlebnistherapie In: DIE ZEIT Nr.38, 59-60